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En face
Intention meiner Arbeit
Balance
Welche
Form hat die Leere?
Ausstellungseröffnungsrede
Gedankenhäuser
En face
Lieselotte Sauer-Kaulbach, Koblenz, Metternich-Haus 1. – 22. 7. 2007
Meine Damen und Herren,
seit einigen Jahren setzt die Arbeitsgemeinschaft bildender Künstler im Mittelrhein erfreulich häufig auf Dialog und lädt, um diesen zu befördern, Künstler aus Nachbarländern ins Haus Metternich ein.
Valda Podkalnes Leben ist bis 1998 fest mit ihrer Heimatstadt, mit Riga, der Hauptstadt Lettlands verknüpft, - 1201 von Bischof Albrecht von Buxhoeven an der Stelle eines seit dem 12. Jahrhundert zunehmend wichtigen Handelsplatzes gegründet und schon bald immer wieder Zankapfel zwischen den hier ansässigen Erzbischöfen, also der katholischen Kirche, und dem Deutschen Orden. Hier wurde die Künstlerin 1951 geboren, hier besuchte sie die Schule für angewandte Kunst und erwarb ihr Diplom in der Abteilung Keramik; hier studierte sie, ab 1974, an der Kunstakademie Industriedesign und übernahm gleich nach dem Diplom, 1979, einen Lehrauftrag. Seit 1992 lehrt sie dort als Dozentin für „Visuelle Kommunikation“ und heute als Projektleiterin; seit 1998 hat sie einen zweiten Wohnsitz auch in Gießen und bis vor kurzem eine Werkstatt in Polen, im der jetzt leider geschlossenen Porzellanfabrik „Ksiaz" in Walbrzych.
Und das ist eine ausgesprochen wichtige Station in ihrer Biografie, denn hier fand so etwas wie das künstlerische „Schlüsselerlebnis“ der Valda Podkalne statt, denn genau in jener Fabrik, die eigentlich ganz normale keramische Gebrauchsgegenstände produzierte, Gefäß- und Sanitärkeramik, stieß sie bei einem Porzellansymposium auf einen riesigen „Scherbenhaufen“, hoch wie ein mehrstöckiges Haus, aufgehäuft aus den Scherben, besser den Trümmern ausgedienter Gipsformen, die für die Herstellung von Kaffeekannen oder –tassen oder Kloschüsseln genutzt wurden. Von Stund an wurde aus der bis dahin nicht ganz zufällig besonders auch von Architekten geschätzten Designerin kühl-rationaler, formal minimalistischer und der Geometrie und dem Bauhaus verhafteter Keramik eine zum Dekonstruktivismus tendierende Künstlerin, deren Arbeiten kaum noch etwas mit denen eines Gropius, desto mehr aber mit denen eines Frank O´Gehry gemein haben.
Am besten lassen wir die Künstlerin selber zu Wort kommen, um die Bedeutung dieser Entdeckung, dieses Scherbenhaufens zu erläutern, der sie zu einer neuen, innovativen Art des Arbeitens mit dem Porzellan führte, „Das Verhältnis Positiv-Negativ wurde ständig als neu empfunden. Die Negativ-Gussformen der Firmenproduktion wurden als Positivformen ausgesucht und zu einer neuen Negativ-Gesamtform zusammengesetzt, um zuletzt eine Form zu bekommen, die ein Positivabguss ist, aber Negativformpassagen besitzt. Das Resultat sind
Abgüsse gestalteter Leere. Weiterhin ist bemerkenswert, dass in der
Verknüpfung der gefundenen Teile zu einer neuen Ordnung sich Negativformen ergeben, die eine gewachsene, in sich tektonisch stabile Form aufweisen. Wähle ich eine strenge Ordnungsvariante, ergeben sich architektonische, von einem Fundament erwachsene Formen. Wähle ich 'freiere' Gipsteile, wächst die Negativform von einem 'Wurzelwerk' in die Höhe und endete im 'Wipfel' der Eingießform ... Meine Werkstatt kann nun überall sein. Alle Orte, an denen ich mich in Zukunft befinde, rufen diese neue Sicht der Dinge hervor und führen zum Aufspüren neuer Materialien und Formen".
Fassen wir einmal kurz zusammen: Abfall, Gipsbruchstücke werden zum Ausgangspunkt eines neuen kreativen Prozesses; bei dem das Verhältnis von Positiv- und Negativformen ins Fließen gerät, was das eine war, kann das andere werden und umgekehrt und, am allerwichtigsten, Gestalt entsteht nicht mehr länger nur, wie üblich, im Inneren einer Form, sondern entwickelt sich im Gegenteil außerhalb dieses Vorgegebenen, wird zu etwas, das Leere sicht- und greifbar werden lässt. Das kommt einer Art von kopernikanischer Wende in der Arbeit mit Porzellan gleich, ist nicht weniger als die Beschäftigung mit einem Phänomen, das Künstler aller Zeiten reizte, die Beschäftigung mit dem Nichts, der Leere und der Frage, wie sich dieses in Gestalt umsetzen lässt.
Es entspricht dem philosophischen Ansatz der Künstlerin, zu dem der für ihre Arbeit so wichtige Gedanken, dass nichts von Dauer und unver- bzw. unabänderlich sei, gehört, und gleichzeitig ihrem ausgeprägten Sinn für Realität und praktische Realisierung, wenn sie die Beschäftigung mit diesem Phänomen zu greifbaren Ergebnissen bringt. Ausgangspunkt war die Überlegung, was geschehen würde, wenn man die Zwischenräume dieses Scherbenhaufens mit Porzellanmasse ausgießen würde. Sie selber formuliert es so: „Ich verspürte eine seltsame Ehrfurcht gegenüber diesem Abfallhaufen, in dessen Inneren auf eine ganz natürliche Art überraschende Verschmelzungen neuer Formen entstehen könnte." „Überraschende Verschmelzungen neuer Formen“ – Valda Podkalne wäre nicht die überlegte, konzeptionell arbeitende Künstlerin, wenn sie sich mit Überraschungen zufrieden gegeben hätte. Statt dessen ging sie systematisch vor, legte sich eine „Bibliothek“, wie sie es nennt, der unterschiedlichsten Bruchstücke an, mit denen sie zu arbeiten begann, denn anders als die Dadaisten erklärt sie nicht das Vorgefundene, das objet trouvé selbst zur Kunst oder arrangierte es, wie der nouveau réalisme, zu kunstwürdigen Assemblagen. Vielmehr benutzte sie diese Fundstücke, um beispielsweise mit ihrer Hilfe „Gedankenhäuser“ zu konstruieren, aus Porzellanelementen, die mit Hilfe der Scherben gegossen wurden, deren Konturen sich auf den einzelnen Elementen abzeichnen. (...)
Der Entstehungsprozess dieser Arbeiten ist intrikat, denn anders als ein mit Stein oder Holz umgehender, aus ihm seine positive Form herausmodellierender Bildhauer geht die Podkalne ja von Negativformen aus, die sie unter Einsatz der Bruchstücke gewinnt, und die praktisch erst über Umwege zu Positivformen werden. Jede Befreiung eines neuen Objekts aus der Gießform kommt deshalb, wie sie erzählt, einer Art archäologischer Entdeckung gleich. Formen kommen zum Vorschein, aus denen sie auch ihre „Gedankennester“ konstruierte, in denen Architektonisches und Tektonisches, Natürliches eine innige Symbiose eingehen, wie denn überhaupt Architektur und Natur wichtige Inspirationsquellen der Künstlerin sind. Quellen, bei denen sie längst davon abgekommen ist, ihr Heil in der Nachahmung zu suchen, wie sie es anfangs tat, wenn sie die Spuren, die Wellen im Sand hinterlassen, mit Gips auszugießen oder die imposanten Felsformationen im tschechischen Terplice nachzubauen versuchte.
Und wieder war es eben die Begegnung mit dem „Scherbenhaufen“, die zur Einsicht führte, „dass man nie etwas derartiges nachahmen dürfe. Deshalb baue ich nun meine Gedankenstädte, in die ich eine ebenso starke Energie-Ladung hineinlegen möchte, die von der Natur oder hervorragender Architektur kommt. Manchmal sind es einfach Erinnerungen und Reiseeindrücke, die ich auf solche Weise konserviere." Eindrücke, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren, sondern die auch vom Betrachter einige „Schürfarbeit“, wie die Künstlerin es nennt, verlangt.
„Gedankenstädte“ sind letztlich (oder sogar erst recht?) auch einige der neuesten Arbeiten Valda Podkalnes, die Sie in der oberen Etage dieses Hauses sehen können, Gedankenstädte im übertragenen Sinn. Tatsächlich erinnert die nun verblüffend organische, vom Tektonischen, Architektonischen, Dekonstruktivistischen wieder wegstrebende Form dieser Objekte an Köpfe, Gehirne. Feine Risse durchziehen nun wieder stärker natürlich wirkende Rundungen, Nervenbahnen und –strängen ähnlich, erinnern an die Maserung von Steinen. Und das ist ja gerade das Verblüffende, dass Podkalne jetzt dem Porzellan eine Gestalt verleiht, die den zufällig gefundenen Steinen gleichen, dass sie ihr Material gewissermaßen der Erde, der es entstammt, zurückgibt.
Der Kreis schließt sich, der Kreis auch des Lebens, an dessen Vergänglichkeit der Betrachter allein schon die Zerbrechlichkeit des Materials gemahnt, mag es noch so „unporzellanig“ und teilweise gar monumental be- und verarbeitet sein. Um so mehr, als auch die Art der Präsentation, die Platzierung der Objekte beispielsweise auf transparenten, teils leuchtenden Podesten, auf Glasplatten, ihr Einhängen in filigrane „Drahtkäfige“ den Gedanken der Fragilität und der Labilität befördert, bei dem Begriffe wie Schwere oder Leichtigkeit ins Schwanken geraten. Nicht umsonst steht eine Arbeit im obersten Stockwerk gar auf schaukelnden Kufen, und nicht umsonst finden Sie Objekte, die „Bienenkörbe“ der Podkalne, die von einer Wachshaut überzogen sind, eine ebenso reiz- wie spannungsvolle, fast „Beuyssche“ Kombination, bei der sich Kühles mit Warmem, Weiches mit Hartem verbindet, bei der aber auch Schutz durch etwas suggeriert wird, das selber höchst empfindlich und schutzbedürftig ist.
Künstlerin mit Bodenhaftung. Trotzdem (oder gerade deshalb) weiß sie um die Instabilität, die Zerbrechlichkeit alles Irdischen und thematisiert dies in ihren Arbeiten.
Intention meiner Arbeit
Valda Podkalne
Meine Porzellanarbeiten weisen exakte, differenzierte
Abdrücke von Bruchstücken verbrauchter Gipsformen einer Fabrik auf,
die an der äußeren Porzellanwandung meiner Stücke ablesbar sind,
Das Resultat sind Abgüsse gestalteter Leere, die ich „Gedankennester"
nenne. Ich benutze das Material Porzellan, weil es mir am geeignetsten
erscheint, um die Differenziertheit und Vielfältigkeit meiner Gedanken
in eine Form zu transformieren.
Die Entwicklungprozesse in meinem Leben ließen öfter den Gedanken
anklingen, dass nichts unabänderlich und von Dauer ist. Daher erscheint
mir die Vorstellung einer Verbindung von Porzellan und Wachs so
natürlich. Das harte, kalte und doch so zerbrechliche Porzellan
wird mit dem warmen, weichen und leicht verletzbaren Wachs überzogen
wie mit einer Haut. Beide sind fortan unzertrennlich wie Baum und
Borke.
Und für dieses schneeweiße, an klirrende Kälte erinnernde Porzellan
eröffnen sich plötzlich neue Assoziationsfelder. Durch das Wachs
wirken die Skulpturen wie konserviert. Die Transparenz der Umhüllung
lässt die Weißheit des Porzellans darunter erahnen, oder eben eine
andere zuvor aufge-tragene Farbe durchscheinen.
Die über die aufgebrochenen Gipsformen vermittelte Leere bekommt
durch das Zusammenwirken der Materialien eine positive Anmutung,
die sieht- und fühlbar ist, und beim Bienenwachs natürlich auch
riechbar wird.
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"Balance"
Roswitha Schild,
Kunsthistorikerin (Zürich)
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Ausstellung im "Kunstforum Kirchberg"
(CH) im September 2002.
Ihren jüngsten Porzellanskulpturen gab Valda
Podkalne Titel, die sich konkret auf Wahrnehmungen in der Natur
beziehen - wie „Landschaft", „Wasserschatten", „Eis im
Februar" - während ihre mehr architektonisch konzipierten „Gedankenhäuser"
oder „Gedankennester" unbestimmtere, rein assoziative Namen
tragen wie „Nimara", „Impas" oder „Pales". „Mich
haben Naturformen schon immer fasziniert. Es gab eine Zeit, als
ich in meinen Werken versucht habe, die Natur nachzuahmen - ich
bin z.B. am Strand spazierengegangen und habe die Sand-Wellengebilde
mit Gips abgegossen. Als ich die riesigen Haufen zerschlagener Gipsformen
sah [im Porzellanbetrieb „Ksiaz" im polnischen Walbrzych, die
Verfasserin], erinnerte es mich z.B. an die Terplice-Felsen in Tschechien.
Als ich durch die Felsenstadt ging, begriff ich, dass man nie etwas
derartiges nachahmen dürfe. Deshalb baue ich nun meine Gedankenstädte,
in die ich eine ebenso starke Energie-Ladung hineinlegen möchte,
die von der Natur oder hervorragender Architektur kommt. Manchmal
sind es einfach Erinnerungen und Reiseeindrücke, die ich auf solche
Weise konserviere."1
Während sich in Arbeiten wie „Landschaft" und „Wasserschatten"
in den hügel- bzw. steinähnlichen Formen eine sachte Annäherung
an konkrete Naturformen bemerkbar macht, sind die Formen, die sich
aus Valda Podkalnes „Augenöffner"-Erlebnis der Begegnung mit
dem Haufen zerschlagener Sanitär- und Gefässgussformen ergaben,
rein abstrakt, eben „Abgüsse gestalteter Leere"2. Angesichts
der aufgeschichteten Gipsfragmente fragte sich nämlich die Künstlerin
seinerzeit: „Wie wäre es, wenn man in diesen grossen Haufen von
Gipsbruchstücken Porzellanmasse giessen würde? Welche Form würde
dann der Zwischenraum einnehmen? Ich verspürte eine seltsame Ehrfurcht
gegenüber diesem Abfallhaufen, in dessen Inneren auf eine ganz natürliche
Art überraschende Verschmelzungen neuer Formen entstehen könnte."3
In der Werkstätte in Walbrzych nun legte Valda Podkalne
sich jeweils eine Art Bibliothek verschiedenster Gipsbruchstücke
an, aus denen sie dann die Negativformen ihrer „Gedankenhäuser"
aufbaute. So wurden gleichsam aus Kaffeekannen und Klosettbecken
Kunstwerke. Analog zur Erfindung des Porzellans in Europa durch
den Alchimisten Johann Friedrich Böttger ist einer der Grundgedanken
der Porzellankünstlerin die Verwandlung: „Die Entwicklungsprozesse
in meinem Leben liessen öfter den Gedanken anklingen, dass nichts
unabänderlich und von Dauer ist."4 Von der Verwandlung der
Materie heisst es beim englischen Alchimisten Lapidus: "Alchemie
ist nicht die Kunst Gold oder Silber herzustellen, oder auch wertvolle
Steine, die durch denselben Prozess möglich sind, denn der Mensch
kann nichts machen oder erschaffen, das ist die Tat der Natur. Was
der Mensch kann, ist, falls er das erforderliche Wissen besitzt,
die Form der Dinge in eine andere Form bringen, aber nicht ausserhalb
ihrer Art, das ist eine andere Sache."5 Dem Verwandlungsgedanken
liegt die Idee zugrunde, dass alles rückführbar auf eine Grundmaterie
ist, aus der wiederum alles entsteht. Der Naturphilosoph Heraklit
von Ephesos fasste dies zusammen in: „Aus Allem Eines und aus Einem
Alles". Bei Paulo Coelho heisst es sinngemäss: „Alle Dinge
sind Offenbarungen des einen grossen Ganzen."6 Das heisst,
dass sich etwa in jeder Schneeflocke die Schöpfung manifestiert.
Alle Schneeflocken ähneln sich im Aufbau und doch gibt es nicht
zwei gleiche. Das Gesetzmässige ergibt sich gerade im aufmerksamen
Beobachten der feinen Unterschiede. Diese geschärfte Wahrnehmung
ist auch bei Valda Podkalnes Arbeiten gefordert: Bei „Eis im Februar"
etwa liegen 7 mal 4 ähnliche plastische Porzellanelemente auf weissem
Untergrund. Bei allen Elementen gewährt ein gleichförmig rundes
Loch einen Einblick in den Hohlraum, in welchem wie ein Schatten
eingemalt ein blauer Kreis aufscheint. Wie bei den drei hintereinander
platzierten Elementen beim „Vogelflug" wird durch die subtilen
Formunterschiede zu genauer Wahrnehmung aufgefordert.
Da die eigentliche Skulptur erst ganz am Schluss
des Arbeitsprozesses im Guss der Skulptur entsteht, ist ein ganz
anderes Denken gefordert als beim Bildhauer, der mit Positivformen
arbeitet oder der eine Figur aus einem Holz- oder Steinblock herausschält.
Valda Podkalnes eigentliche Arbeit ist das Gestalten eines virtuellen
Raumes. Was dem Maler vor Beginn der Arbeit die weisse Leinwand,
ist ihr die Unendlichkeit des leeren Raumes. Spinnte man den Gedanken
weiter, sind ihre Arbeiten nicht nur Positivformen einer die Leere
begrenzenden Negativform, sondern gleichzeitig wieder Negativformen
der Unendlichkeit des Universums. Mit jeder Form, die sie der Leere
abringt, gestaltet die Künstlerin so die Welt mit.
In Valda Podkalnes Werken manifestieren sich zahlreiche
wichtige Errungenschaften der modernen Skulptur. Der Faden lässt
sich aufnehmen bei der zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzenden
Fragmentierung, weiterleitend über den Kubismus und den aus objets
trouvés konstruierten Assemblages - die gleichzeitig Dekonstruktionen
der nicht imitierten, sondern interpretierten Dinge sind - überleitend
zum Ready-made (vgl. Duchamps „Fountain"..) bis hin zu den
emotional aufgeladenen, Zeugnis einer dem steten Wandel unterworfenen
Zivilisation ablegenden architektonischen Raumausgüssen einer Rachel
Whiteread am Ende des letzten Jahrhunderts.
Charakteristisch für Valda Podkalnes Skulpturen
aus Porzellan ist, dass die Ansichten der Skulptur keinen Hinweis
geben auf das Aussehen der jeweils verborgenen Seite. Folglich haben
auch die meisten Arbeiten keine Hauptansicht. Es ist dem Betrachter
überlassen, welche Sicht der Dinge er einnehmen möchte. Die Künstlerin
spielt gleichsam mit dem Symmetrie- und Analogiebedürfnis des Betrachterinnenauges,
indem sie es fortwährend listenreich herausfordert. Dem inneren
Gleichgewicht kommt bei der somit gleichsam dekonstruktivistisch
gefügten Skulptur eine ganz wesentliche Bedeutung zu, hält es doch
die Vorsprünge und Spalten, die konvexen und konkaven Formen und
Flächen in einer als ganz und ausgewogen empfundenen Form zusammen.
Dass die beiden Künstler „Balance" als Ausstellungstitel
wählten, hat nun nicht nur mit dem jeweils eigenen Balanceakt zu
tun, sondern bezieht sich natürlich auch auf die Beziehung ihrer
Werke untereinander und zueinander. In der Ausstellung wird das
Verbindende in den Werken der zwei zusammen lebenden und arbeitenden
Kunstschaffenden augenfällig, gleichwie der Unterschied in den Temperamenten.
Zu den weissen, glattwandigen Objekte von Valda Podkalne findet
sich kaum eine Entsprechung in den Gemälden aus Acryl, Asche, und
Pigmenten auf MDF-Platte von Harald Jegodzienski, sieht man von
einem grundsätzlichen Interesse für das Spiel von Licht und Schatten
ab.
Übereinstimmungen zeigen sich vielmehr in neueren
Arbeiten, wo Valda Podkalne Holzwolle verwandte, welche im Brand
schwindet. Bei den kompakteren Objekten wie „Ostrakon", „Nivata"
und „Valdivia" ergeben sich dadurch auf der Oberfläche aufbrechende
wie einsinkende Strukturen, wie man sie von ausgetrockneter Erde
kennt. Der daraus sich ergebende Patina-Charakter der Oberfläche
wird durch die Kaltbemalung in Rosa-, Gelb- und Grautönen noch verstärkt.
Die Stücke wirken dadurch erdenschwerer, „archäologischer"
als die himmelstrebenden „Gedankenhäuser". Diese „Erdigkeit",
hervorgebracht durch die Veraschung der Holzwolle, entspricht dem
Grundtenor in Harald Jegodzienskis Bildserie „Notation vom Traumgestern",
deren Materialität hauptsächlich auf dick aufgetragenen Asche beruht.
Eine Gruppe seiner Bilder nannte Harald Jegodzienski „Erdtöne",
bezogen nicht nur auf eine farbliche Stimmigkeit, basieren die Bilder
doch auf Bildpartituren, die auch zu musikalischen Interpretationen
führten7. Der Ursprung der Bildpartituren wiederum waren handgeschriebene
Briefe Valdas an Harald. Was Valda also Gipsfragmente als Grundlage
und Katalysator ihrer Arbeiten waren, sind Harald ihre Briefe. „Mit
einem abstrakten Schriftfragment als Angebot und Basis, baue ich
malerisch Organismen auf, ohne den Bildaufbau zu konstruieren; ich
formuliere damit komplexe Archetypen, ohne die Erinnerung an einen
konkreten Gegenstand wecken zu wollen. Für mich sind es gewachsene
Strukturknoten, die sich tanzend aufzulösen bzw. zusammenzuziehen
scheinen. Sie sind meine malerische Formulierungen von Bewegung."8
Ebensowenig wie seiner Lebensgefährtin geht es Harald Jegodzienski
also um die Darstellung der Wirklichkeit - obwohl bei beiden landschaftliche
oder architektonische Strukturen vorkommen - da sich diese ohnehin
nicht kopieren, sondern nur interpretierend in ein anderes Medium
übersetzen lässt. Cézanne leistete solchem Verständnis Vorschub
mit der erleichterten Beschreibung seiner Erkenntnis: „Ich war zufrieden
mit mir, als ich entdeckte, dass man die Sonne nicht wiedergeben
kann, sondern dass man sie mit etwas anderem darstellen muss[...]
mit der Farbe."9
Während Valda Podkalne all ihr Wissen und Fühlen
über die Welt und die Kunst in ihre Porzellanskulpturen einbringt,
betätigt sich Harald Jegodzienski in unterschiedlichen Medien wie
Malerei, Bildhauerei, Musik und Poesie, um seinem ganzheitlichen
Künstlertum Ausdruck zu verleihen. Zwischen der allen seinen künstlerischen
Arbeiten zugrunde liegenden poetischen Grundhaltung, die der Intuition
breiten Raum einräumt, und der stark strukturbestimmten, intellektuellen
(oder idealistischen) Arbeitsweise seiner Frau tut sich ein gegenseitig
inspirierendes Spannungsfeld auf. Beider Arbeiten lassen dem aufmerksamen
Betrachter viel freien Raum zu eigenen Assoziationen.
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"Welche
Form hat die Leere?"
Daiga Rudzate (Veröffentlichung in der
Kunstzeitschrift "Studija", Lettland, 12.2001)
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Ein untrennbarer Bestandteil des lettischen Design-Bildes der 80-er
Jahre sind die minimalistischer Gefäß-Formen von Valda Podkalne.
Sie wurden bevorzugt von Architekten und Interieur-Künstlern bei
der Ausstattung moderner Wohnräume gewählt. "Es ist die Dominante
eines ausgesprochen männlichen Verstandes, die sich im Schaffen
der Künstlerin Valda Podkalne in einer rationellen Formauffassung
entfaltet. Die klaren, geometrischen Porzellan-Formen, wie Zylinder,
Kugeln, Rechtecke, stimmen mit dem lakonischen Streifen-, Karo-
oder Kreuzschmuck überein. Hier kommt der Hauch von der Design-Kultur
des „Bauhaus" vielfältig zum Ausdruck. Valda Podkalne scheint
eine der sensibelsten, allumfassenden Pflegerinnen des exakten Ausdruckes
unserer Keramik zu sein. Ihre Vorliebe für Geometrie neigt hier
jedoch nicht zum steifen Technizismus, sondern verwandelt sich in
die Freude am Spiel," - so äußerte sich 1988 Janis Borgs.
Ende der 90-er Jahre überraschte Valda Podkalne
die lettischen Kunstkreise, indem sie den Preis von Westerwald (1999)
erwarb, der als einer der höchsten Auszeichnungen der Europäischen
Keramik gilt.
Im Mai des nächsten Jahres hat Sie in der Galerie
"Bastejs" (Riga) räumlich-skulpturelle Objekte ausgestellt,
was viele Zuschauer keinesfalls mit der „ehemaligen" Künstlerin
und den verfeinerten minimalistischen Porzellanformen verknüpfen
konnten.
"Meine Skulpturen der Jahre 1999/ 2000 nenne
ich "Gedankennester". Sie sind gestaltete Leere oder anders:
Ich bilde eine Ordnung, bändige das Chaos, das in eine Form umgewandelt
wurde," so Valda Podkalne in einem Kommentar zu ihren Werken.
Im Juni 2001, bei der Eröffnung der Ausstellung
von Valda Podkalne und Harald Jegodzienski in der Galerie "Daugava"
(Riga), wurde der Brief eines ihrer Freunde, Bernard Sordet vorgetragen:
"Die Skulpturen von Valda Podkalne sind sowohl
Überlegungen, als auch Aufforderung zu Überlegungen. Es sind Labornotizen.
Wir müssen deren Wichtigkeit wahrnehmen, wir müssen über die Alchimie
des Lebenden im Universum nachdenken, so, wie die ältesten Zivilisationen
vorgegangen sind. Sie bereichert den Zusammenhang zwischen den Lebewesen
und den Formen."
Als der weltberühmte Architekt Frank O´Gehry im Jahre 1997 die Umsetzung
seines derzeit riesigsten Projektes in Bilbao abgeschlossen hatte,
- eine Filiale des Guggenheim-Museums in Spanien wurde eröffnet
-, geizte die Weltpresse nicht mit Superlativen: es sei kaum begreifbar
und daher staunenswert, dass derartiges zu erbauen überhaupt möglich
ist.
Die Jury der Porzellan-Triennale von Nyon (Schweiz), die im Sommer
2001 den Werken von Valda Podkalne den dritte Preis verliehen hatte,
konnte den Mechanismus der Herstellung dieser Skulpturen nicht dechiffrieren.
Sie haben durch eine für das Porzellan sonst nicht charakteristische
Monumentalität überrascht.
Hast du versucht, deinen derzeitigen Status zu formulieren -
bist Du eine Keramikerin, Installationskünstlerin oder Bildhauerin?
Meine derzeitige Sprache ist skulpturell-abstrakt.
Ich beschäftige mich wohl damit, was man Bildhauerei nennen kann.
Was bin ich für eine Keramikerin, wenn ich weder an der Töpferscheibe
arbeiten kann, noch die Glasurtechniken gut beherrsche. Ich habe
es zwar gelernt, aber es hat mich nie so richtig interessiert. Ich
fühle Respekt den hervorragenden Keramik-Meistern gegenüber, die
ihre professionellen Geheimnisse haben, die sich z.B. im Brennofen-Bau
besonders gut auskennen.
Vor einiger Zeit hatten sich deine Designarbeiten
durch minimalistische Formen ausgezeichnet, - mit einem verfeinerten
Beauty-Style -, an die viele sich auch noch heute erinnern und deshalb
manchmal von der heutigen Sprache deiner Kunst überrascht sind.
Ich habe solche Gegenstände hergestellt, die man
nicht in einem Geschäft kaufen konnte, und es machte Spaß, die Sachen
herzustellen, die ich sonst gerne in meiner Umwelt gesehen hätte.
Dann wurde ich zu internationalen Porzellan-Symposien eingeladen,
in denen ich völlig andere Antworten auf meine Fragen fand. Sie
erhielten Bedeutung und waren von Gewicht. Es war eine Bewegung,
die neue Wege eröffnete.
Andere Künstler können die professionellen
Geheimnisse des Werdens deiner Skulpturen nicht erraten.
Ich lasse diese in einem polnischen Porzellanwerk
(„Ksiaz" in Walbrzych) "wachsen": Eine Gestaltung
zunächst aus Bruchstücken von Gips-Negativformen Sanitär- und alltäglicher
Porzellangegenstände, die dort eben im Hof herumliegen. Die Klosettbecken
z.B. haben „perfekte" Formen, zerschlagen jedoch verlieren
sie aber die Assoziation mit der ursprünglichen Formquelle. Ich
bilde zunächst eine "Bibliothek" solcher zerschlagener
Formen in den Regalen der Werkstätte und suche mir im Laufe meines
Form-Prozesses die passenden Formstücke für meine Formulierungen
heraus.
Also werden die Bedingungen
oder die Richtung deines kreativen Prozesses von den Gipsbruchstücken
hergeleitet?
Als
ich zum ersten Mal den Raum der Fabrik betrat, eben aus den Zonen
des „Designs entstiegen", völlig im Unklaren über mich selbst,
und ich die Berge von Gipsklumpen in der Höhe eines vielstöckigen
Wohnhauses sah, kam ich auf diese Idee: Wie wäre es, wenn man in
diesen großen Haufen von Gipsbruchstücken Porzellanmasse gießen
würde? Welche Form würde dann der Zwischenraum einnehmen? Ich verspürte
eine seltsame Ehrfurcht gegenüber diesem Abfallhaufen, in dessen
Inneren auf eine ganz natürliche Art überraschende Verschmelzungen
neuer Formen entstehen könnte. Ich hatte schon damals eine Ahnung,
dass dahinter etwas stecken müsste.
Werden diese Experimente, deren
Ergebnisse jedoch nicht prognostizierbar sind, nicht einmal langweilig?
Vor
einiger Zeit, bei der Herstellung von Gefäßen, hatte ich ein vollkommenes
Sicherheitsgefühl, denn ich wusste genau, wie immer die Ergebnisse
sein würden. Ich habe damals die Negativform gemacht und Porzellan
da hineingegossen, ausgebrannt und schließlich etwas sehr Konkretes
erhalten. Jetzt ist das Finale eines Prozesses das interessanteste.
Wenn ich von dem gerade gefertigten Objekt die Gipshülle entferne,
fühle ich mich manchmal wie ein Archäologe, der behutsam und vorsichtig
die Gegenstände enthüllt, deren Umriss er nur vorher ahnen konnte.
Jedes Mal erwartet mich also ein neues Wunder, und gerade die Überraschung
ist bei diesem Prozess das Verlockenste. Anfänglich waren meine
Formen konstruiert und klar. Jetzt sind meine Gedanken klar, - ich
verwende die Prinzipien des Dekonstruktivismus.
Eigentlich stellst du im Material die Leere
dar...
Mich
haben die Naturformen schon immer fasziniert. Es gab eine Zeit,
als ich in meinen Werken versucht habe, die Natur nachzuahmen -
ich bin z. B. am Strand spazierengegangen und habe die Sand-Wellengebilde
mit Gips abgegossen. Als ich die riesigen Haufen zerschlagener Gipsformen
sah, erinnerte es mich z.B. an die Terplice-Felsen in Tschechien.
Als ich durch die Felsenstadt ging, begriff ich, dass man nie etwas
derartiges nachahmen dürfe. Deshalb baue ich nun meine Gedankenstädte,
in die ich eine ebenso starke Energie-Ladung hineinlegen möchte,
die von der Natur oder hervorragender Architektur kommt. Manchmal
sind es einfach Erinnerungen und Reiseeindrücke, die ich auf solche
Weise konserviere. Einer meiner Freunde meinte einmal, meine Skulpturen
erinnerten ihn an Mzab in Algerien. Ich würde gerne einmal dorthin
reisen...
Die Stadtansicht von Mzab in der Photographie scheint jedoch eher
konstruktiv zu sein...
Mzab und andere Städte älterer Zivilisationen sind
eigentlich wachsende Strukturen und kommen so selbstverständlich
vor. Charakteristisch von derartiger Architektur sind viele Nischen,
Bögen, Plateaus und Mauern, die auch meinen Skulpturen eigen sind.
Ist dir demnach die Architekturwelt lieb?
Zu der Zeit, als ich mich mit dem Design beschäftigte,
waren die Architekten diejenigen, die sich mit der meisten Anerkennung
über meine Gefäßformen äußerten. Wir „verstehen uns" immer
noch.
Du hältst dich hartnäckig an das Porzellan. Ein
ebenso gutes Ergebnis könnte man eigentlich auch mit einem anderen
Material erzielen, oder?
Man sagt ja immer, dass Porzellan ein königliches
Material sei, dessen charakteristischen Elemente die Durchsichtigkeit,
Zerbrechlichkeit, eine goldverzierte Kante sind. Eigentlich könnten
meine derzeitigen Werke einem echter "Porzelliner" völlig
fremd vorkommen. Ich finde jedoch diesen ungeschriebenen Kodex nicht
relevant. Für mich ist der Gedanke außerordentlich wichtig, dass
ich gleichzeitig sehr schwere und zerbrechliche Werke schaffe. In
dem Augenblick, als ich mich ganz real von den Formen meiner Gefäße
verabschiedete, habe ich mich auch auf die traditionellen Annahmen
verzichtet und versucht, mich dem Porzellan von einer anderen, ganz
unbekannten Seite zu nähern. Ich habe versucht, mir vorzustellen,
dass ich noch nie etwas davon gelernt oder gewusst habe …
In der letzten Zeit verwendest du anstelle der
Glasur Wachs - ein Material, das stark den Tast-, Spür- und Assoziationssinn
des Menschen fördert...
Ich möchte das Gefühl wecken, dass Wachs, ähnlich
einer menschlichen Haut, die äußere Haut meiner Arbeiten lebendig,
atmend, weich und damit auch verletzlich werden lässt. Sie duften,
ebenso wie alle Lebewesen. Bei der Berührung kann man die Wärme
verspüren. Durch Wachs kann man den „Körper" - die Porzellanweiße
oder die Färbung - ahnen. - Vielleicht kommt nur mit dem Alter das
Verständnis, dass nichts unveränderlich und ewig ist. Und deshalb
finde ich die Vereinigung von Porzellan und Wachs so organisch,
weil sie einen völlig neuen Assoziationen-Fluss entwickeln lässt,
der die Vorstellung des Menschen über Porzellan als eine harte,
weiße und kalte Substanz brechen kann.
Die ersten, von Wachs beschichteten Skulpturen erhielten so auch
deren Benennung - "Bienenhäuser"...
Auch der Gedanke über "Bienenhäuser" entstand
in Polen, als ich im Winter auf dem Weg zu meiner Fabrik-Werkstätte
jeden Morgen die verschneiten farbigen Bienenhäuschen sah. Ich habe
„diese" dann in Porzellan gebaut und gefärbt. Doch es fehlte
die Stimmung, die in der Realität mich erwischt hatte. Und plötzlich
kam ich auf die Idee, ich könne meine Skulpturen ins Wachs tauchen.
Bei Ausstellungen pflegst du, ungeachtet der Zerbrechlichkeit
und des Gewichtes, deine Werke in Seile zwischen einem metallenem
Gestänge einzuhängen …
Ich habe mir schon immer gewünscht, über der Erde zu schweben. In
der Kindheit bin ich mit einem Regenschirm von der Decke einer Scheune
gesprungen, und meine Gesundheit erinnert mich heute noch an diesen
„Trick". Als ich Gefäße hergestellt habe, hatte ich diese auf
zerbrechlichen vertikalen Glaspodesten exponiert, um das irreale
Gefühl des Schwerelosen zu erreichen … In meiner letzten Ausstellung
in der Galerie "Daugava" habe ich meine Werke tatsächlich
in dreidimensionalen Metallrahmen in Seile gehängt, um auf diese
Weise dem Zuschauer meinen Assoziations-Fluss und dessen Kontext
klarer und zugänglicher zu machen. Die Seile dienten nicht nur zum
Halten der Werke, sie bildeten auch eigene Linien und eine Zeichnung
im definiertem Raum, so dass meine Idee dadurch noch verstärkt und
klarer wurde.
Bist du an der Reaktion der
Zuschauer im Ausstellungsraum interessiert?
Als
ich in einer deutschen Galerie meine Arbeitsgruppe als ein "Bezirk
Haribo" bezeichnetete ("Haribo" ist eine Benennung
von Jogurtkonfekt in grellen, ein wenig schockierenden Farben),
schwärmten besonders Jugendlichen von dieser „Siedlung". Ihre
Weltauffassung und ihr Denken hatten hierbei vielleicht einen Partner
entdeckt. Mich interessiert, wie die Zuschauer meine Werke kommentieren.
Es ist interessant, was sie in meinen Objekten bemerken. Als ich
einem meiner Freunde die Benennung der "Bienenhäuser"
mitgeteilt habe, verstand er nicht, worum es geht, denn in seinen
Gedanken haben diese Formen den Umriss von "Köpfen " erhalten.
Ich schaute aufmerksamer hin, und verstand, dass man diese Skulpturen
ebenso gut auch auf diese Art auffassen kann...
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Erröffnungsrede anlässlich
der Ausstellung in der Gallerie "Daugava".
Bernard Sordet - Riga, Paris (EU - Kommission,
Kunstsammler). Riga, 6. Juni 2001.
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Valda,
Du bist eine Alchimistin, die Raum, Form und Lebewesen verzaubert.
Ich habe immer Bernard Palissy bewundert und wenn ich im 16. Jahrhundert
gelebt hätte, hätte ich ihn gerne unterstützt so wie Katarina von
Medici es tat und vielleicht wäre er den Verliesen der Bastille
entkommen. Er war der Alchimist der toten Materie und der lebenden
Natur. Er erschuf neue Tierarten aus seiner Fantasie.
Heute bin ich fasziniert von Valda Podkalnes Arbeit. Sie bereichert
die Beziehung zwischen Inhalt und Form. Vielleicht vermag „Form"
doch zu befreien statt einzuengen?
Man betritt ein Universum von größtmöglicher Veränderlichkeit, von
aus Einzelelementen zusammengefügten Konstruktionen, die zwar zerbrechlich
sind, wie Porzellan es eben ist, die aber dennoch einen Bruch mit
der beherrschenden globalen Gesellschaft bedeuten.
Die Alchimie untersucht, wie Mensch und Natur aufeinander reagieren
und bis zur Synthese dieser Reaktion sind mehrere Entwicklungsstufen
nötig, wie Rousseau es in seiner Philosophie dargelegt hat. Es überrascht
also nicht, daß wir uns in einem Universum von vielgestaltig zusammen-gesetzten
„Bienenkörben" befinden, in welchem wir in aller Freiheit und
Kraft unserer Fantasie unsere eigenen Räume erbauen: ein neues Babylon,
das in undogmatischer Weise an den Maler-Architekten Constant der
COBRA-Bewegung erinnert.
Hier ist Raum für zukunftsweisende, sich wandelnde, anpassungsfähige
vielfältige Konstruktionen. Hier könnte der Mensch durch neue Formen
zur Weiterentwicklung seines Denkens und seiner Existenz für die
Gesellschaft gelangen.
Valda
Podkalne weiß, dass unser Ökosystem neu überdacht werden muß. Sie
lädt dazu ein. Ihre Skulpturen stellen ihre eigenen Überlegungen
dar und regen gleichzeitig zu Überlegungen an. Sie sind Laboraufzeich-nungen
und es ist an uns, ihre Bedeutsamkeit zu erkennen. Unsere
Aufgabe ist es, über die Alchemie des Universums und des Lebens
nachzudenken, wie schon die ältesten Kulturen es getan haben. (Ich
erinnere mich dabei an die Entdeckung von Mzaba, mitten in Algerien).
Aber Valdas Werke sind auch Aufrufe zur Befreiung von eingengenden
Denkschemata.
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Gedankenhäuser
Inga Steimane. (Veröffentlichung
in der Kunstzeitschrift
"Neue Keramik" 10. 99)
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Stellen wir uns folgendes Bild vor: In einem polnischen
Porzellanbetrieb („Ksiaz" in Walbrzych), inmitten großer Haufen
verbrauchter Sanitär- und Geschirr-Gipsformen arbeiten Männer. Mit
brachialer Gewalt zerstückeln sie mit ihren Schlaghämmern ausrangierte
Negativformen. Eine Frau beobachtet diese Szenerie und wartet auf
den Abschluß der groben Zerstörungsarbeit, um
anschließend für ihren Formenbau die richtigen Bruchstücke aus dem
chaotischen Haufen herauszufinden. Sie ist eine lettische Künstlerin
und heißt Valda Podkalne.
Ein paar Daten zur Person: Sie hat eine Tochter
Dana - eine siebzehnjährige angehende Modedesingnerin -, einen Mann
Harald Jegodzienski - Keramiker und Maler - und eine Katze namens
Pea. Beide Ehepartner sind Preisträger im begehrten Westerwaldpreis
in der Sparte „Keramische Plastik". Harald Jegodzienski erhielt
den Preis 1985 und Valda Podkalne vierzehn Jahre später. Sie fährt,
was in Lettland eine Seltenheit ist, einen sehr alten PkW, worüber
Kollegen nicht ohne Neid sagen: „Du kannst Dir diese Freiheit ja
nehmen, solch ein Auto zu fahren. Du bist ja vom Westen." Das
Selbstbewußtsein vieler Letten drückt sich nämlich über die kleinen
Äußerlichkeiten aus, wie Mode und PkWs, die frisch gebügelt, korrekt
sitzend und ohne Beulen ausgeführt sein wollen. Dieser Ausdruck
des Neides ist also eine feine Ironie. In ihrer Visitenkarte steht
schon seit ein paar Jahren: wohnt und arbeitet in Deutschland und
Lettland. Sie wurde in Riga geboren und arbeitete dort über zwanzig
Jahre lang mit Porzellan. Seit 1992 ist sie Dozentin für „Visuelle
Kommunikation" an der lettischen Kunstakademie. Sie
erhielt vor einem Jahr ein Forschungssemester zugesprochen. Während
dieser Zeit entstanden die neuen Porzellanarbeiten, für die sie
den diesjährigen Westerwaldpreis erhielt und die auch in der Ausstellung
„Zeitgenössische Keramik 99" in Offenburg gezeigt wurden. Auf
die Frage der Journalisten nach der Verwendung ihres Preisgeldes
antwortete Valda sinngemäß: „Ich werde das
Geld investieren, um eine Künstlerfamilie zu unterstützen."
Valda Podkalne besitzt jene gesunde Ironie, die für Osteuropäer
charakteristisch ist, die sich dessen bewußt sind, wie bedeutend
ihr Leben durch die sozialpolitischen Veränderungen der Neunzigerjahre
beeinflusst wurde. „Ich kann ruhig und ohne Schwermut Rückschau
auf den zurückgelegten Weg halten. Die Ereignisse hatten zweifellos
ihre Bedeutung und bilden die Grundlage für das Heute", sagt
sie.
Dies trifft auch auf ihre neuen, in Polen entstandenen Werke zu,
die sich von allen früheren Arbeiten unterscheiden. Alle vorherigen
Gedanken und Erfahrungen sind aber in ihnen verarbeitet. Unser Gespräch
über die Kunst ist natürlich auch ein Gespräch über das Leben. Im
Beschluß des Preisgerichts wurden die „Gedankenhäuser" von
Valda Podkalne als kraftvolle Arbeiten bezeichnet, die in einem
sehr persönlichen Umgang mit Skulptur und Raum die ursprüngliche
Leere zu Material werden lassen. „Der energische, unkonventionelle
Arbeitsprozeß", heißt es weiter, „bleibt ablesbar und erzeugt
eindeutige, spontane Formen. Die leuchtende Farbe wird zum Bestandteil
des Materials. Sie verleiht den Arbeiten Strahl-kraft und
verstärkt den Eindruck der Geschlossenheit. Die monumentale Qualität
der Skulpturen entspricht nicht deren wahren Größe. Um so eher verlockt
die Vorstellung eines tatsächlich monumentalen Maßstabs solcher
Werke." Valda hat ihren innovativen Weg
mit den neuen Porzellanarbeiten gefunden. Ungefähr vor drei Jahren
kam sie auf die Idee zu ihrer originellen Arbeitsweise. Das war
anläßlich eines Porzellansymposiums in Polen. Als sie dort ankam,
faszinierte sie ein riesengroßer Haufen von Bruchstücken verbrauchter
Gipsformen, wovon anfangs bereits die Rede war. Aufgrund der Anschauung
der in sich verharkten Gipsklumpen-Strukturlandschaft wurde die
Frage bei ihr provoziert: Welche Form haben die Zwischenräume
beziehungsweise hat die Leere? Sie stellte sich schließlich vor,
diese
Bruchstücke zu einem neuen Gebilde zusammenzusetzen und mit Gießschlicker
auszugießen. Das war der zündende Funke ihrer Formfindung. Der technologische
Arbeitsablauf ist zunächst der traditionellen Porzellanbearbeitungsmethode
ähnlich, bei der sich Gipsformen und Prozellanmasse gegenseitig
bedingen. „Meine Arbeiten weisen einen exakten, differenzierten
Abdruck aller gefundenen Gipsteile auf, die an der äußeren Porzellanwandung
ablesbar sind." Doch gibt es dabei einen wesentlichen Unterschied:
Die ideale Form kommt nicht durch ein reales, anschauliches
Gipsmodell wie bei der Geschirrherstellung zustande, sondern sie
existiert lediglich im virtuellen Raum der Phantasie der Künstlerin.
„Das Verhältnis Positiv-Negativ wurde ständig als neu empfunden.
Die Negativ-Gußformen der Firmenproduktion wurden als Positivformen
ausgesucht und zu einer neuen Negativ-Gesamtform zusammengesetzt,
um zuletzt eine Form zu bekommen, die ein Positivabguß ist, aber
Negativformpassagen besitzt. Das Resultat sind
Abgüsse gestalteter Leere. Weiterhin ist bemerkenswert, daß in der
Verknüpfung der gefundenen Teile zu einer neuen Ordnung sich Negativ-formen
ergeben, die eine gewachsene, in sich tektonisch stabile Form aufweisen.
Wähle ich eine strenge Ordnungsvariante, ergeben sich architektonische,
von einem Fundament erwachsene Formen. Wähle ich 'freiere' Gipsteile,
wächst die Negativform von einem 'Wurzelwerk' in die Höhe und endete
im 'Wipfel' der Eingießform."„Meine Werkstatt kann nun überall
sein. Alle Orte, an denen ich mich in Zukunft befinde, rufen diese
neue Sicht der Dinge hervor und führen zum Aufspüren neuer Materialien
und Formen". So hat sie neben ihren „Gedankenhäusern"
im thüringischen Porzellanwerk in Kahla ein großes Wandrelief als
Auftragsarbeit geschaffen. Wahrscheinlich war das der bisher größte
Porzellanguß in eine monolithische Gipsform; sie faßte 650 Liter.
Auf die Frage, wie riskant dieser Vorgang war und wie viele Folgeschäden
zu beseitigen waren, antwortete Podkalne: „Bisher arbeitete ich
fehlerfrei, weil ich in Prozessen und natürlich auch in Porzellan
gedacht, gefühlt und
entsprechend gehandelt habe". Aus dieser kurzen Aussage ist
zu erkennen, was für die Arbeiten der Künstlerin charakteristisch
ist: Phantasieraum, Präzision und Kreativität. Auf sie ist der Begriff
„supreme" anwendbar. Mit ihm ist eine der wichtigsten Erscheinungsformen
der russischen Moderne am Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden.
Der Suprematismus von Kasimir Malewitsch beschränkte sich nämlich
nicht nur auf das allseits bekannte „schwarze Quadrat", sondern
dieser Begriff verkörpert sich auch in seinen architektonischen
Formen. Eine der letzten Arbeiten von Podkalne besteht aus vier
Elementen, "Häusern", wie die Autorin sie als Arbeitstitel
selbst bezeichnet. Diese erinnern in der Tat an die funktionelle
Aufgabe von architektonischen Formen, nämlich den
Raum kenntlich zu machen. Das macht die Verwandtschaft der Werke
von Podkalne mit den ästhetischen Prinzipien
der Moderne des 20 Jahrhunderts aus. Im Unterschied zu Malewitsch,
der
seine Formen als Positive schuf, geht Podkalne vom negativen Innenraum
aus, der im Inneren einer Gipsform entsteht. Durch den Porzellanguß
wird die ideale Form gebildet. Es ist eine Endform (supreme - das
Höchste, Größte, Endliche). In einem Artikel, der vor einiger Zeit
in Lettland über Valda Podkalne veröffentlicht wurde, habe ich die
bildhafte Reflexion eines lettischen Künstlers gefunden. Der Autor
faßte damals mit Leidenschaft seine Erkenntnis über Kristall-Strukturen
zusammen. Er war davon überzeugt, daß deren Charakteristik, die
Endstruktur, in höchstem Maße auf die Arbeiten von Valda Podkalne
zutreffe. Ein wenig Mystik kann man scheinbar im Leben und in den
Werken aller Künstler finden. Sogar wenn sie mit Preisen bedacht
und von vielen Menschen als hervorragend anerkannt werden.
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